Rechnen mit dem neunfachen Weltmeister

  
Hinsichtlich seiner Unterrichtsbedingungen ist der Mann vor der Klasse nicht zu beneiden: Die Luft ist stickig und der Raum eigentlich zu klein, was aber wiederum an den etwa 90 Schülerinnen und Schülern liegt, die sich hier versammelt haben. Und doch blicken die Fünftklässler des Frankenwald-Gymnasiums erwartungsvoll und gespannt auf ihren „Lehrer“ – und dies nicht obwohl, sondern weil Mathematik auf dem Stundenplan steht. Kurzum: Der Mann vor der Klasse muss etwas Besonderes sein. Und er ist es auch. „Meine Name ist Gert Mittring“, erklärt der etwa 1,90 Meter große Gast bescheiden. Was er nicht verrät, weiß sein Publikum aber längst: Dr. Dr. Gert Mittring ist der neunfache Weltmeister im Kopfrechnen und als Großmeister im Kopfrechnen auch weit über die Grenzen Deutschlands bekannt .
In Zusammenarbeit mit der Buchhandlung Riemann aus Coburg hatte die Fachschaft Mathematik unter der Leitung von Oberstudienrat Christian Pfadenhauer den „Mozart der Zahlen“ und den „Zahlenflüsterer“ an das FWG geholt. Diese Titel werden Gert Mittring regelmäßig von der Fachpresse zugesprochen, die ihn auch schlichtweg als das „größte Kopfrechen-Genie der Welt“ beschreibt.
Besonders bemerkenswert bei Mittrings Besuch in Kronach ist aber, dass der gebürtige Stuttgarter trotz all dieser Titel absolut bescheiden, fast zurückhaltend auftritt. Er begegnet auch den Fünftklässlern des FWGs auf Augenhöhe, und das kommt beim jungen Publikum gut an.
Dabei wird seine Zielsetzung von Anfang an klar: Dr. Dr. Mittring möchte „seinen Schülern“ nicht Theorie sondern Praxis vermitteln. Das Konzept geht auf, denn auch am FWG nimmt er im Nu allen Schülerinnen und Schülern die Angst vor Zahlen und Formeln. Alle rechnen begeistert mit. Das liegt auch an den unkonventionellen Rechenwegen des Mathe-Weltmeisters, die aber zugleich für jeden nachvollziehbar bleiben.
Eine seiner bekanntesten Methoden ist die„Finger-Mathematik“ mit allerhand „Bösewichtern“ und „Guten“. Die Zahl 8 beinhaltet beispielsweise zwei „Böse“, weil bis zur 10 zwei fehlen. Folgerichtig gehen an einer Hand zwei Finger nach unten. Die 13 hingegen besteht aus drei„Guten“; drei Finger an der anderen Hand gehen nach oben. Alle im Publikum machen mit und die Visualisierung mit den Händen verfehlt ihren Zweck nicht. Ganz ohne Taschenrechner kann man auf diesem Weg die Aufgabe „8 x 13“ problemlos lösen: Noch ein kleiner Zwischenschritt und fast ausnahmslos rufen die Fünftklässler im Chor die Lösung nach vorne: „104!“ Dr. Dr. Mittring nickt zufrieden.
„War das so in Ordnung von der Schwierigkeit her?“, fragt der Weltmeister sein Publikum und zeigt diesem anschließend einen Weg, wie man selbst mehrstellige Zahlen als Primzahlen entlarven kann. Da wird es dann für den ein oder anderen Fünftklässler doch ein wenig undurchsichtig, doch Dr. Dr. Mittring kann beruhigen: „Das klingt alles recht kompliziert, ist es aber nicht!“ Dabei vermittelt Gert Mittring den Gymnasiasten auch die Erfolgsformel bei mathematischen Aufgaben: „kontinuierliches mentales Training plus ein gewisser spielerischer Faktor führen zu Spaß und Erfolg mit Zahlen“. Diesen Weg beschreibt der 48-Jährige mittlerweile nicht nur in seinen beiden Bestsellern sondern auch im Fernsehen bei diversen Formaten wie „Stern TV“.
Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass viele nach den kurzweiligen 60 Minuten des gemeinsamen Kopfrechnens den Kontakt zu ihrem„Mathelehrer“ suchen. Dabei umlagern sie den Botschafter der Stiftung „Rechnen“mit Autogrammwünschen wie einen Pop-Star. Der nimmt dies gewohnt gelassen hin und hat immer den Tipp schlechthin parat: „Viel Spaß im Matheunterricht!“ Dabei verrät der Diplom-Informatiker, Doktor der Erziehungswissenschaften und Doktor der Psychologie seinem jungen Publikum nicht, dass er sein Abitur gerade einmal mit 3,70 bestanden hatte; wobei dies in manchen Lebenslagen sicherlich auch tröstend sein kann.
-mts-