Im Kleinen ganz groß

von Bastian Heinlein

Mit „Luther in Kronach“ präsentierte die Projektgruppe „Theater“ auf der Studiobühne des Frankenwald-Gymnasiums ein vielschichtiges Stück mit einer entscheidenden Besonderheit: Die Schüler hatten es zusammen mit ihrem Deutsch- und Betreuungslehrer selbst geschrieben.

„Keinen einzigen Sohn habe ich. Nur eine Tochter, die hurt!“ Deutliche, unerwartete Worte für eine Theater-Aufführung von Gymnasiasten. Doch ist das Stück „Luther in Kronach“ nicht als Gelegenheit für die Schülerinnen und Schüler des Frankenwald-Gymnasiums zu verstehen, um vor Publikum zu fluchen und zu beleidigen.

Spätestens an der umfassenden Vorbereitung erkennt man die Ernsthaftigkeit, die nicht nur auf der Bühne betrieben wurde: Über ein Jahr lang wurde das Stück von den Schülerinnen und Schüler der 8. Klassen mit ihrem Deutschlehrer Tobias Pohl geschrieben und der teils anspruchsvolle, authentische Text einstudiert – und dies von jungen Schauspieltalenten, die sich am Wochenende erstmals auf der Bühne wiederfanden. Entstanden ist ein vielschichtiges Stück, das versucht, die Umwälzungen der Reformation greifbar zu machen und aktuell zu halten. So viel vorweg: Es ist ein erfolgreicher Versuch, was neben der bemerkenswerten Tiefe des Dramas auch an den schauspielerischen Leistungen und dem künstlerischen Gesamtkonzept der beiden Vorstellungen lag.

Das eingangs erwähnte Zitat fällt, nachdem der Bauer (Lilo Erhrsam) seinem Grundherren (Amelie Schreier) berichten muss, dass die Ernte gering ausfällt — wie schon die Jahre zuvor. Wo heute der Boden wissenschaftlich untersucht und das Pflanzenwachstum per Satellit überwacht werden kann, gibt es zu Zeiten Luthers laut dem Grundherrn nur eine mögliche Erklärung: Gott bestraft die Bauern für ihre Sünden. Doch diese können sich noch so oft mit Gebeten an Gott wenden oder sich wie ein guter Christ verhalten, es hilft nichts: „Mein Stand kennt keine Gnade. Gott sieht ihn nicht“, stellt der Bauer resigniert fest.

Eine Möglichkeit gibt es allerdings schon, um seine Sünden wieder gut zu machen: Ablasshandel. Hält die katholische Kirche beispielsweise einen Gottesdienst im Namen des Sünders, wird der von seinen Sünden und den damit einhergehenden Strafen erlöst. Doch diese „Gnade Gottes“ lässt sich die Kirche teuer bezahlen. Genau dieses Verhalten ruft Luther (Miriam Ginevrino) auf den Plan. Er findet: „Das ist kein menschlicher Gott“, von dem die Kirche da redet. Mit dem berühmten Wittenberger Thesenanschlag provoziert Luther ohne es zu wollen einen dramatischen, gewaltsamen Umbruch in ganz Europa. Neue politische Allianzen formen sich, alte zerbrechen.

Das erlebt auch der Bischof (Jannik Beiergrößlein), der dabei zusehen muss, wie eine erhebliche Zahl an ehemals treuen Adeligen auf die Seite Luthers wechselt. Er möchte ihn deshalb zu einem Disput, einem Streitgespräch, nach Kronach laden, um seine „Irrlehre“ öffentlich zu widerlegen. Allerdings nur in diesem Stück; tatsächlich hielt sich Luther nie in Kronach auf. Auch an anderen Stellen ist das Stück in den historischen Kontext gesetzt, in den Details allerdings abgeändert oder komplett neu konstruiert. So verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität. Das tut der Qualität des Stücks allerdings keinen Abbruch: Es muss sich keiner Mauerschau bedienen, um die dramatischen Veränderungen dieser Zeit darzustellen. Stattdessen glänzt es im Kleinen, indem es persönliche Schicksale der Machtlosen darstellt, etwas das gerne vergessen wird, wenn über Revolutionen und Umbrüche geredet wird, auch heute noch.

Doch der Bischof verliert nicht nur ehemals Verbündete an Luther, sondern auch weltliche Gegner Luthers wenden sich von der Kirche ab, um die Gunst der Stunde zu nutzen. Nicht zuletzt deshalb warnt Lucas Cranach (Tarek Becic) Luther davor, nach Kronach zu kommen, als er ihm die Einladung des Bischofs zum Disput im Stück überbringt. Doch davon lässt sich der unfreiwillige Revolutionär nicht abbringen: So hätte er schließlich die Möglichkeit, die Menschen und vielleicht sogar den Bischof von seiner Auslegung der Bibel zu überzeugen.

In einem furiosen und lauten Streitgespräch duellieren sich die beiden schließlich verbal. „Ihr habt das Wort nicht verstanden!“, bringt Luther seine Meinung lautstark zum Ausdruck. Unerwartet für das Publikum: Auch die Bühnenausstattung wird in die Auseinandersetzung mit einbezogen, als Luther schließlich den Tisch des Bischofs wutentbrannt mit einem großen Knall umwirft. Das Bühnenbild ist ohnehin außergewöhnlich: Unter der Leitung der Kunstlehrerin Alexandra Reiter entstand eine stimmige Mischung aus traditioneller Kulisse und dem Einsatz von Beamer und Beleuchtung im Stile des epischen Theaters, um die Vielzahl an teils real existierenden Orten darzustellen und Szenenwechsel schnell zu ermöglichen. Unterstützt wurde die Authentizität durch passende Musik, die unter der Leitung von Musiklehrer Ralf Probst zusammen mit der Big Band des FWG eingespielt worden war. So erhielt selbst Luthers Choral „Eine feste Burg ist unser Gott“ ein zeitgenössisches Gewand.

Doch bringt das Streitgespräch Luther weniger an seine persönlichen Grenzen, als sehen zu müssen, welchen Einfluss „seine“ Revolution auf reale Menschen hat. Er erkennt, dass die von ihm verursachte Änderung der politischen und religiösen Grundlagen das Leben der eingangs erwähnten Tochter des Bauern (Victoria Betz) völlig durcheinander gebracht hat. So sehr, dass sie sich nach dem plötzlichen Tod ihres Kindes an dessen Grab selbst richtet. Und das obwohl sich der Vater, ein Mönch (Gina Marie Graf), zu ihr bekennen und sein Kloster verlassen wollte.

Beim Anblick dieser gescheiterten, unmöglichen Familie muss Luther realisieren, dass er im Kampf um das große Ganze das Kleine aus den Augen verloren hat; welch dramatischen Einfluss das Abstrakte in der Realität hat. Spätestens in dieser Szene erkennt auch der Zuschauer die immense Bedeutung der Religion für die Menschen zu dieser Zeit. Dennoch bleibt das Stück zeitlos in den Fragen, die es aufwirft und an Personen festmacht: Was ist richtig, was ist falsch? Welche Bedeutung hat das Individuum? Welchen Sinn hat das eigene Handeln? Kann ein Mensch mehr wert sein als ein anderer? Was macht einen guten Menschen aus?

In einer emotionalen Schlussrede, ans Publikum gerichtet, versucht Luther zumindest die letzten beiden Fragen zu beantworten: „Ein Bischof ist auch nicht mehr wert als ein anderer Christ. Eine Person wird durch ihren Glauben gerecht, nicht durch ihre Werke!“

Bastian Heinlein

 

Weitere Rollen:

Graf von Neuses (Linda Wunder), Graf von Friesen (Emilia Ziebura), Bäuerin (Laura Franke), Knecht (Anna Mayer), Kanzler (Romy Trinkwalter), Witzger (Jonas Münzel), Noll (Elias Reißig)