DDR-Geschichte im Klassenzimmer:

Besuch des FWGs durch zwei Zeitzeugen

 

Zeitzeugin Konstanze Helber

Am Freitag, den 16.03.2018, besuchte Konstanze Helber die Klasse 10b am Frankenwald- Gymnasium in Kronach.

Konstanze Helber erzählte uns von ihrem Leben in der ehemaligen DDR, von ihrer Zeit im Frauengefängins Hoheneck und vielem mehr. Zwar wussten wir schon Einiges von den Umständen und dem Leben in der DDR aus dem Geschichtsunterricht, dennoch waren uns viele Aspekte vor dem Vortrag von Frau Helber nicht so klar wie hinterher.

 

 

Konstanze Helber wurde 1945 in Camburg an der Saale geboren, sie wuchs behütet in ihrer Familie auf und spricht noch heute von einer „positiven“ Erinnerung an ihre Kindheit in der Deutschen Demokratischen Republik. Doch als sie älter wurde, stellte sie das System in Frage; dadurch bekam sie so manches Problem in der Schule und wurde nicht zum Abitur zugelassen. Für Frau Helber war klar: Sie wollte weg! Sie war nicht systemkonform, das wusste sie. Auch sah Konstanze für sich keine Perspektive in Jena, wo sie aufwuchs. Sie erkämpfte sich einen Ausbildungsplatz als Kinderkrankenschwester und arbeitete nach Abschluss ihrer Ausbildung einige Jahre in diesem Beruf.

In ihrem ersten Auslandsurlaub in Bulgarien lernte sie einen Touristen aus Baden-Württemberg kennen und lieben. Nachdem zwei Ausreiseanträge abgelehnt wurden, planten die beiden ihre Flucht. Jedoch scheiterte das Vorhaben, im Kofferraum des Fluchtautos wurde sie im Januar 1977 entdeckt und verhaftet. Verurteilt zu einer Haftstrafe von drei Jahren und drei Monaten wegen "versuchten illegalen Grenzübertritts" gelangte sie im April 1979 im Rahmen des Häftlingsfreikaufs in die Bundesrepublik.

Dennoch war die Zeit im Frauenzuchthaus Hoheneck die schlimmste ihres Lebens. Die Haftbedingungen waren unmenschlich, zusammen mit 60 anderen Häftlingen musste sie Zwangsarbeit leisten und im Akkord Bettwäsche für den Westen nähen. Sie selbst bezeichnet die Haft dort wie folgt: Das Leben war menschenunwürdig, 48 Frauen lebten gemeinsam in einer Zelle, die Frauen waren verwahrlost, da es keinerlei Möglichkeit gab, sich zu pflegen oder zu waschen. Die Intimsphäre eines Jeden war nicht gegeben, es gab keinen Rückzugsort. Frau Helber berichtete uns ebenfalls, dass sie in den zwei Jahren und drei Monaten Haft 20 Kilogramm abgenommen hatte. Wir waren entsetzt über die damalige körperliche Verfassung der zum Teil noch sehr jungen Insassinnen. Viele der Frauen erlitten traumatische Erlebnisse, es gab sogenannte Arrestzellen sowie Dunkel- und Wasserzellen, die heute nur noch schwer nachweisbar sind, da die Zellen nach der Wiedervereinigung zurück gebaut worden sind.

Zwar gab es eine juristische Unterstützung für die Frauen, jedoch konnte diese nicht einmal annähernd die tatsächliche Lage der Gefangenen einschätzen. Für Konstanze Helber war dies eine grausame Leidensprobe. Man konnte nur schwer abzuschätzen, wem man vertrauen könne und wer für den Staat andere Gefangene bespitzeln sollte.

Frau Helber war ein sogenannter „politischer Häftling“. Politische Häftlinge, die beispielsweise wegen der versuchten Republikflucht verurteilt wurden, wurden schlimmer behandelt als tatsächlich Kriminelle. Für das System waren sie eine zunehmende Gefahr. Konstanze Helber war eine der 33.755 freigekauften politischen Häftlinge der DDR. Im April 1979 wurde sie entlassen und reiste in den Westen nach Rottenburg am Neckar.

 

Heutzutage engagiert sich Konstanze als aktive Zeitzeugin in Schulen und weiteren Bildungseinrichtungen. Sie hat ihre Vergangenheit verarbeitet und nach 25 Jahren ihr Schweigen gebrochen. Bei unserer Klasse hat ihre tragische und zugleich bewegende Geschichte einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

 

L. Brettel, 10b

 

 

Zeitzeuge Dr. Wolfgang Welsch

 

Am Freitag, den 23.03.18, fand für die Klasse 10a ein spannender Vortrag statt: Der anerkannte Zeitzeuge Wolfgang Welsch besuchte die Klassenstufe; anschaulich und mitreißend schilderte er den Schülern sein Leben in der DDR, sein Wirken gegen diese Unrechtsstaat.

Seinen 1½ stündigen Vortrag begann Herr Welsch mit einer Geschichte aus seiner Schulzeit, in welcher er eine Stecknadel in ein aufgehängtes Stalin-Bild steckte und daraufhin die Stasi kam, um den Täter ausfindig zu machen. Dies stellte er als prägendes Ereignis dar, weil er seitdem wusste, dass für die Stasi jede Unwichtigkeit, jede Kleinigkeit von Bedeutung war.

Anschließend begann Welsch mit der Erzählung seiner Biografie und seinem Vorhaben, nach seiner Schulzeit in die Theater- und Filmbranche einzusteigen. Doch obwohl er bereits einen Arbeitsvertrag beim Deutschen Fernsehfunk innehatte, wollte er flüchten. „In diesem Staat kann man nicht leben, denn dieser Staat vernichtet alles, was den Menschen zum Menschen macht. Erst nimmt er ihm seine Freiheit, dann seine Träume und schließlich seine Hoffnungen.“, so Wolfgang Welsch.

Doch seine Flucht lief schief, er wurde erwischt und kam ins Gefängnis. Eindrucksvoll erzählte er von seiner Isolation im Knast, von den Verhören, den Schikanen - jedoch auch davon, dass man sich durch Klopfen verständigen konnte, ein kleines Bemühen um Menschlichkeit in dieser unmenschlichen, dieser unwirklichen Welt.

Das Gefängnis war mit die härteste Zeit in seinem Leben: Man hatte nur eine komplett blau-weiße Kleidung und wurde aufs Schlimmste gefoltert. Im Zuge seiner Inhaftierung wurde Welsch schließlich in das berüchtigte MfS-Gefängnis nach Bautzen verlegt. Den Himmel sah er lange nicht mehr; sein Zellengitter war der Folterplatz der Staatssicherheit: Man wurde erniedrigt, zusammengeschlagen, bis man nicht mehr konnte. „Den Menschen zu brechen, das war das Ziel des MfS!“, so der Zeitzeuge. Er selbst hatte dauerhaft Angst, aber er setzte seinen Entschluss durch, niemals aufzugeben, sich nicht brechen zu lassen.

Jedoch gab es auch in diesem Gefängnis Möglichkeiten der Kommunikation, kleine Hoffnungsschimmer … Man konnte mit einigen Tricks auf ein Zeitungsstück schreiben und dieses unter einer Nivea-Creme verstecken. Er war der Einzige, dem dies gelang, und sein Kassiber kam nach London zu Amnesty International, von denen er zum Gefangenen des Jahres gewählt wurde. Diese Gruppe setzte sich für ihn ein und dies brachte ihm eine Verlegung in den B-Flügel des Kaßberg-Gefängnis, aus dem er freigekauft wurde und mit einem Bus in den Westen gebracht wurde.

Den Freigekauften war es strikt verboten, über ihre Erlebnisse in den Gefängnissen der DDR zu sprechen. Trotzdem trat Dr. Welsch im Fernsehen auf, um über seine Erlebnisse zu berichten. Zu dieser Zeit überlebte er einen Mordanschlag – welcher nicht der letzte sein sollte. Er wurde zu einem bedrohlichen Staatsfeind der DDR, hauptsächlich weil er über die DDR redete und aus dem „Ausland“ gegen das Regime Widerstand betrieb.

So schrieb er ein Memorandum darüber, warum die DDR nicht in die Vereinten Nationen eintreten darf; hierzu fuhr er nach Bonn, um ein Exemplar einem Abgeordneten, welcher nach New York flog, um an der Abstimmung teilzunehmen, mitzugeben. Schließlich erklärte sich Franz Josef Strauß bereit, das besagte Memorandum seinem Abgeordneten mitzugeben; durch einen Zufall verschwand das Memorandum aber nicht in irgendeiner Schublade, sondern wurde übersetzt und dem ganzen Plenum vorgelegt.

Weiter leistete Welsch Widerstand, indem er über 200 Leute aus der DDR nach Frankfurt am Main schmuggelte. Er wuchs immer weiter zum größten Staatsfeind der DDR: So erhielt er Morddrohungen und ein Sprengsatz wurde an seinem Auto platziert, um ihn in einen Unfall zu verwickeln. Der zweite Anschlag war ein Scharfschützenangriff des besten Schützen der DDR. Er hatte riesiges Glück, da er genau in dem Moment seine heruntergefallene Pfeife aufgehoben hatte und der Schuss ihn somit verfehlte. Für den dritten und letzten Anschlag auf ihn wurden er und seine Familie nach Israel gelockt und mit einer 10-fach tödlichen Dosis Metallium vergiftet. Aber auch das überlebten alle. Bis heute weiß keiner, warum, denn eigentlich hätte man bei einer solchen Dosis sterben müssen.

Abschließend erzählte Dr. Wolfgang Welsch noch über die Verbindungen zu seinen Eltern, welche ihn unterstützt haben und immer auf seiner Seite waren. Der traurige Schlusspunkt seines überaus interessanten Berichtes war die Anekdote darüber, dass seine Ehefrau ihn für die Stasi ausspioniert hatte. Auch das war typisch für die DDR! - Nichts war so, wie es schien.

 

M. Lachner, 10a