Konstituierung des Schülerparlaments am FWG

 

„Ruhe bitte!“, tönt es durch den Saal, als Rafael Zwosta versucht, durch das Stimmengewirr Gehör zu finden.  „Ruhe bitte!“, echotet jener junge Parlamentspräsident noch einmal durch den Raum. Langsam finden sich die Abgeordneten ein, bedächtig bemerken sie, dass es sich nicht um eine normale Unterrichtsstunde handelt, vielmehr um eine neue Erfahrung: 


 Sie sind gewählte Vertreter der Schülerinnen und Schüler des FWG und verhandeln nun ein Gesetz zur möglichen Benutzung von Handys in den Hallen des FWG. Fünf Fraktionen nehmen langsam ihre Parlamentssitze ein, fünf Fraktionen schauen gebannt nach vorn, wo das Präsidium, die SMV des FWG, sitzt und angespannt wartet, wo Schulleiter Harald Weichert steht und gespannt in das einmalige Parlament blickt. Jetzt kehrt Ruhe ein!

„Ich bin froh, Sie alle begrüßen zu dürfen“, beginnt der Direktor des FWG seine kurze Ansprache. „Sie sind hier, weil ein aktuelles Thema dazu aufgefordert hat, dass man es diskutiert. Sie sind hier, weil das Kultusministerium über das Thema nachdenkt. Sie sind hier, weil das Thema der Handynutzung, der Digitalisierung aktuell ist, mehr denn je!“ Neugierig auf das kommende Tagesgeschäft der gewählten Abgeordneten, sichtlich zufrieden über den bisherigen Verlauf des Projekts, so wirkt der in sich ruhende, ein sichtlich gut gelaunter Direktor bei seiner motivierenden Ansprache. „Ich wünsche Ihnen allen“, so der Hausherr erwartungsvoll: „eine lebendige, eine faire, eine sachliche Diskussions- und Debattenkultur. Streiten sie, aber streiten Sie in der Sache! Fordern Sie die Gegenseite auf, Stellung zu beziehen, aber stets in der Sache. Schaffen Sie etwas Einmaliges!“

Ein Lächeln huscht über die Gesichter der Neuabgeordneten. Es scheint fast so, als bemerken sie, dass sie gemeint sind, dass sie in diese verantwortungsvolle Rolle, dieses wundervolle Amt gewählt worden sind. Das Lächeln huscht dahin und erste Unsicherheiten schleichen sich in die Fraktionen ein. Können wir dieser Aufgabe gerecht werden? Wir sind Schüler? Können wir diskutieren? Wir sind doch Neuntklässler? 

Dieser aufkommenden Unsicherheit entgegengehend, geht das Präsidium des FWG-Parlaments konstruktiv die erste Sitzung an: „Franziska Lang?“ Ein Schreckmoment, dann Ruhe … „Franziska Lang?“, ertönt es nochmals seitens des Präsidiums. „Ja!?! „Julian Koller?“ Nur kurz, dann: „Ja!“ Rafael Zwosta ruft jeden Abgeordneten namentlich auf; als der erste Schreckmoment verflogen ist, bemerken die Mandatsträger, dass es wirklich kein normaler Unterricht ist; sie sitzen im Parlament, sie sind gewählt, sie haben ein Mandat und damit Verantwortung.


Im Anschluss daran stellt Christoph Bauer, Mitglied des Präsidiums des FWG-Parlaments, die Regeln des hohen Hauses vor. Plakatieren sei verboten, Beleidigungen und vulgäre Ausdrücke seien ebenso verboten. „Zwischenrufe, die der Sache dienen, sind durchaus erlaubt.“, so Bauer: „Das Präsidium behält sich vor, die Art des Zwischenrufes zu bewerten; sollte dieser beleidigend sein, dann werden wir um der Debattenkultur willen dazwischen gehen.“ 

Es hört sich alles so an, als sei man Zeuge bei der Konstituierung des Deutschen Bundestages oder des Bayerischen Landtages. Souverän leiten Elftklässler das Parlament, zielstrebig arbeiten sie alle notwendigen Tagesordnungspunkte ab: Am Ende sind die Fraktionsvorsitzenden gewählt, am Ende stehen die Ausschüsse, am Ende kennt jeder Teilnehmer dieses Projekts die Spielregeln … Und am Ende fühlt sich jeder der Teilnehmer noch mehr motiviert, an diesem einmaligen Projekt mitzuwirken, es zu einem Erfolg zu machen … „Das, was wir ausarbeiten“, so ein Abgeordneter: „das verschwindet nicht in einer Schublade, oder?“ Sozialkunde Tobias Pohl, ein Schatten hinter dem Präsidium, beruhigt: „Ihr produziert nichts für die Schublade!“

Nachdem die Fraktionen sich aufgestellt, die vier Ausschüsse sich gebildet haben, nachdem eigentlich die gesamte jungfräuliche Parlamentsorganisation abgeschlossen ist, schauen alle gebannt nach vorn: Herr Zwosta eröffnet die erste Sitzung … Lächelnd ruft er die erste Fraktion nach dem ersten Redner auf. Unsicher steht die Fraktionsvorsitzende der WWW auf und tritt ans Rednerpult. „Wir können uns den gegenwärtigen Entwicklungen nicht mehr verschließen.“, beginnt Sophia Schülner: „Das Handy soll im Unterricht eingesetzt werden dürfen.“ Klar stellt sie die Vorstellungen ihrer Fraktion vor, führt aus, was man unter dem Handy versteht, verweist auf erste Probleme und Fragen … Und urplötzlich steht ein erster Abgeordneter auf; er meldet sich nicht, nein, er steht auf. „Lassen Sie eine Zwischenfrage zu?“, unterbricht das Präsidium die Rede von Frau Schülner. Sichtlich irritiert schaut sie sich um, bemerkt aber, dass sie nicht referiert wie in der Stunde; sie hält eine Rede in einem Parlament über ein aktuelles Thema. Und sie sieht sich mit einer Zwischenfrage einer anderen Fraktion konfrontiert. „Sind Lehrer verpflichtet, die Handys im Unterricht zu nutzen?“, schneidet der Fraktionsvorsitzenden die Kritik entgegen. Kritik? An meinen Vorstellungen? Nachdem Sophia Schülner ihre Unsicherheit abgelegt hat, reagiert sie so, als wäre man in einem Parlament, als sei es etwas Alltägliches: „Nein! Der Lehrer kann frei entscheiden.“ Und wenig später, auf eine weitere Zwischenfrage, reagiert sie fast schon gelassen ironisch: „Nur weil Sie unsere Positionen übernommen haben, heißt das nicht, dass Sie die bessere Partei sind. Wir haben diese Dinge zuerst benannt!“

Urplötzlich debattiert man. Erst zaghaft, dann immer lebhafter. Die Schüler bemerken, dass sie unterschiedliche Positionen haben, dass sie sich für die Sache engagieren, dass sie sich einsetzen und mitdiskutieren … Sie erlernen das Handwerkszeug des Parlamentarismus. Und das in einer wundervollen Leichtigkeit, so dass sich für einen Moment der Debattenzauber auf das FWG-Parlament legt. 

Als Schulleiter Weichert sich eine sachliche Debattenkultur gewünscht hat, als die Schüler diese Worte vernommen und sich scheinbar überfordert gefühlt haben, hätten diese besagten Schüler nicht daran denken können, dass sie das, was man von ihnen erwartet, mit einer herrlichen, einer zauberhaften Leichtigkeit erfüllen würden. Ja, sie können. „Ihr wachst gerade in diese euch ungewohnten Rollen hinein!“, so am Ende Tobias Pohl: „Ihr nehmt sie an, ihr diskutiert, ihr debattiert.“ Sichtlich zufrieden und erleichter lobt er das junge Parlament, mahnt am Ende aber gleichzeitig noch: „Nehmt die in der Sache geführten Auseinandersetzungen nicht persönlich. Es geht nicht um eure Person, es geht um das Gesetz, das am Ende durch euch für die Schulfamilie erarbeitet werden soll. Denkt immer daran!“ 

Ja, diese Jungparlamentarier können - mehr denn je: Sie können dieser Aufgabe mehr als gerecht werden und sie können argumentieren und debattieren. Es scheint etwas Großes am FWG zu wachsen, etwas Einmaliges …