Exkursion der neunten Klassen in das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar (Thüringen) am 26.04.2018

 

Auf der Heimfahrt war alles scheinbar wie immer, im Bus war es laut, Musik lief, es wurde gesungen. Ein Schulausflug wie jeder andere – und doch nicht wirklich.


Im Rahmen des Geschichtsunterrichts besuchten wir die Gedenkstätte Buchenwald, um die Ausmaße des Grauens im „Dritten Reich“ begreifen zu können. Es ist ein riesiger Unterschied, nur von KZs zu hören oder eine Gedenkstätte wie Buchenwald zu besuchen. Nicht das, was man sieht, macht Buchenwald so bedrückend, es sind die Fragen, die man sich stellen muss, während man über das Gelände, das den unrühmlichsten Teil der deutschen Geschichte widerspiegelt, geht. „Wie viele Menschen wurden hier gequält und ermordet?“, „Wie können Menschen so grausam sein?“ oder „Wie kann eine Gesellschaft sich so von Propaganda beeinflussen lassen, dass sie systematische Folter und Ermordung von Millionen Menschen toleriert?"

 

"Menschen" - das ist das Stichwort: Damals galten die Opfer aus ideologischen und/oder rassischen  (und somit natürlich hirnrissigen) Gründen nicht als Menschen. Doch auch heute spricht man von "den Juden", "den Sinti und Roma" oder einfach "den Opfern des Nationalsozialismus". Dass sie nicht eines von vielen Opfern, sondern einzigartige Personen mit ihren eigenen Geschichten waren, will die Ausstellung in der ehemaligen Effektenkammer des Lagers zeigen. Wo früher die Häftlinge alle persönlichen Dinge zurücklassen mussten, ein paar mehr oder weniger einheitliche Lumpen anzuziehen bekamen und zu einer Nummer wurden, versucht man heute den namenlosen Opfern Namen zu geben und ihre Geschichten zu erzählen.

Nach einer animierten Einführung sind auf zwei Stockwerken Ausstellungsstücke zu verschiedenen Themen rund um das KZ Buchenwald zu sehen. Im ersten Stock geht es um die Gründung des Lagers und den Alltag in diesem. Viele Schriftstücke von Opfern und Tätern berichten über die Anfänge in Buchenwald, besondere Häftlingsschicksale, Strafen und Folter, die zum Alltag gehörten, Karrieren von SS-Männern, die Rassenlehre als „Wissenschaft“, „medizinische“ Versuche an den Häftlingen und die Kooperation der SS mit Firmen.

Im zweiten Stock wird die zweite Phase des Konzentrationslagers behandelt. Nachdem die sechste deutsche Armee bei Stalingrad besiegt und der „totale Krieg“ ausgerufen worden war, diente die Arbeit nicht nur zur Folter und Ermordung der Häftlinge, sondern es sollten Waffen produziert werden. Da die Arbeit nun gute Resultate liefern sollte, wurden Vorarbeiter eingesetzt, die sich auf ihre Arbeit und nicht nur auf das Quälen ihrer Mithäftlinge verstanden. So besserten sich die Umstände für die Häftlinge zumindest ein wenig. Allerdings sorgte das Vorrücken der Alliierten dafür, dass Lager nahe der Front geräumt wurden. In regelrechten Todesmärschen wurden die Häftlinge zum Äußersten getrieben und die, die nicht mehr konnten, zum Sterben auf dem Weg zurückgelassen; alleine beim Marsch aus Buchenwald kamen 13.000 Häftlinge um.

Im letzten Abschnitt der Ausstellung geht es um die Aufarbeitung der Verbrechen im  KZ Buchenwald, die Prozesse gegen die Schuldigen; außerdem kommen Überlebende zur Frage „Welche Lehren müssen wir aus dem Holocaust ziehen?“ zu Wort.

 

Nach der Mittagspause sahen wir im Kinosaal den Einführungsfilm, in dem viele der Themen aus der Ausstellung wieder aufgegriffen und zum Teil Originalaufnahmen gezeigt wurden. Weiterhin erzählten zwei ehemalige Insassen von ihren traumatischen Erlebnissen im Konzentrationslager.

 

Danach teilten wir uns klassenweise auf und wurden von einem Mitarbeiter der Gedenkstätte in Empfang genommen, der uns nun äußerst sachkundig über das Gelände führte und geduldig unsere Fragen beantwortete. Als Erstes machte er uns auf die Bilder von früher aufmerksam und erinnerte uns daran, immer zu hinterfragen, wer die Bilder mit welcher Absicht gemacht hatte. So verharmlosten Fotos der SS die Vorgänge im Lager, während beispielweise die Amerikaner, mit zum Teil nachgestellten Aufnahmen, der Welt den Schrecken vor Augen führen wollten, der stattgefunden hatte.

Als Nächstes kamen wir zu einem der ungewöhnlichsten Orte im Lager; hier hatte es damals einen Zoo gegeben. Was zunächst überraschend wirkt, erfüllt bei genauerer Betrachtung mehrere Zwecke: Er diente an freien Tagen den SS-Familien zur Unterhaltung und war gleichzeitig eine Grausamkeit gegenüber den Inhaftierten. Während sie unter Hunger, harter Arbeit, Verletzungen und Krankheiten litten, trennte sie nur ein Tor mit der Aufschrift „Jedem das Seine“ von der heilen Welt, die ihnen draußen vorgespielt wurde. Selbst etwas so Unverfängliches wie ein Zoo wurde zur psychischen Folter benutzt.

Auch unser nächster Stopp diente, wie vieles im Lager, dem Quälen der Häftlinge und dem Spaß sadistischer SS-Männer: ein Gefängnisgebäude - genannt „der Bunker“. 80 Prozent der Häftlinge, die hier eingesperrt wurden, verließen ihn nicht mehr lebend.

 

Anschließend gingen wir in die ehemalige Häftlingskantine, wo unser Guide verschiedenste Fragen anhand eines anschaulichen Modells des Kzs beantwortete.

Immer wieder wurde verdeutlicht: Deutschland war damals kein Rechtsstaat, Offiziere der SS oder Polizisten handelten mit unglaublicher Willkür, praktisch unkontrolliert.

Der letzte Teil unserer Führung machte deutlich, dass, auch wenn Buchenwald „nur“ ein Arbeitslager war und keine Gaskammern besaß, ebenfalls zur Tötung der Insassen diente. Als Letztes besuchten wir das „Krematorium“ und die Genickschussanlage. Krematorium steht in Anführungszeichen, da, wie uns erklärt wurde, sich die Art der Verbrennung dort stark von der eines richtigen Krematoriums unterschied. Während die Verbrennung von Toten streng geregelt ist und pietätvoll abläuft, war damals das einzige Ziel, möglichst viele Tote möglichst schnell loszuwerden und mit den Urnen für die Angehörigen Normalität vorzutäuschen.

Der Zweck der Genickschussanlage war es, ca. 8.000 sowjetische Kriegsgefangene zu ermorden. Den Gefangenen wurde ein Besuch beim Arzt vorgetäuscht, in dessen Verlauf angeblich auch ihre Größe gemessen werden sollte. In der Wand, an der gemessen wurde, befand ich ein Schlitz, durch den ein SS-Mann, der in einem kleinen Zwischenraum saß, dem Häftling in den Hinterkopf schoss.

  

Was mich an dieser Anlage am meisten erschreckt hat, ist, dass ich sie, im Vergleich zu vielem anderen im Lager, fast noch als das „Humanste“ empfand: Besser in der Hoffnung auf medizinische Behandlung sterben, bevor man es selbst mitbekommt, als sich über Monate zu Tode zu arbeiten, langsam an einer Krankheit oder Unterernährung zu sterben.

Auch wenn die meisten ihre Bedrückung, ihren Ekel oder Schock über die Grausamkeiten, die dort, wo wir standen, stattgefunden hatten, überspielten, merkte man doch, wie uns ein Stein vom Herzen fiel, als wir Buchenwald wieder verließen.

 

Auch das ist, denke ich, einer der Gründe, warum die von Oberstudienrat Heiko Gernlein organisierte Fahrt in das Lager Buchenwald sinnvoll war: Wir alle, Jugendliche, genauso wie Erwachsene, sollten uns bewusstmachen, welche Verbrechen unsere Vorfahren begangen haben. Natürlich können wir alle Schuld von uns weisen. Wie sollen wir auch an etwas Schuld haben, das nicht zu unseren Lebzeiten geschehen ist? Aber wir tragen heute Verantwortung. Es ist an uns, gegen Ausgrenzung und Rassismus gegenüber gesellschaftlichen oder religiösen Gruppen einzutreten, im Großen wie im Kleinen. Wir dürfen nicht wegschauen und aktuelle Entwicklungen, wie eine steigende Zahl von Übergriffen auf Juden, verharmlosen oder ignorieren. Ausschreitungen gegen Flüchtlinge, antisemitische oder islamfeindliche Aussagen und Handlungen dürfen nicht toleriert werden.

 

Ich bin der Meinung, es war kein ganz normaler Schulausflug, und ich hoffe, jeder von uns hat Buchenwald mit der Überzeugung verlassen, dass so etwas nie wieder passieren darf, dass es unsere Aufgabe ist, diese Verbrechen nicht zu vergessen, sondern uns in Zukunft daran zu erinnern, dass Wegschauen oder Ausgrenzung niemals Optionen sind.

 

 

Text:    Joshua Matthes (9a)

Fotos:  Christopher Ernst (9a)