Schriftsteller sind grausame Menschen

 

In dem Unterrichtsprojekt „Kronacher Schreibwerkstatt“ beschäftigen sich Schülerinnen und Schüler der Klasse 10b am Frankenwald-Gymnasium hautnah mit den Entstehungsprozessen von Literatur. Ein echter Höhepunkt war der Besuch der Berliner Autorin Sabrina Železný, die in einem Workshop allerlei Insider-Wissen verrät.

„Autoren sind grausame Menschen!“ Ein kurzer Schock! Stille! So haben die Schülerinnen und Schüler der Klasse 10b des Frankenwald-Gymnasiums die Rolle eines Autoren beziehungsweise einer Autorin noch nicht betrachtet.

Doch wenn eine Autorin selbst diese Aussage trifft, dann muss da doch etwas dran sein. Wenig später lüftet Sabrina Železný das Geheimnis ihrer scheinbar grausamen Grundeinstellung: „Wenn der Leser mitfühlen soll, dann muss der Held leiden“, so die Berliner Autorin, die vor kurzem das FWG besuchte. Ihre Stippvisite war zugleich mit einem Workshop verbunden, in dem sie mit den Zehntklässlern die Grundlagen des Schreibens und Überarbeitens einübte. Der Workshop bildete zudem den Höhepunkt im Langzeitprojekt „Kronacher Schreibwerkstatt“ der 10b unter der Leitung von Studienrat Tobias Pohl.

Bereits zu Beginn des Schuljahres sollten die Jugendlichen zu einem Bild nicht nur schreiben, sondern sich ebenso bei der Erstellung von Horror-, Liebes- oder Abenteuergeschichten beobachten und dokumentieren, wie sie gearbeitet haben und was ihnen folglich beim Schreiben hilft. „Das zentrale Ziel dieser Schreibwerkstatt ist das Verstehen der Tatsache, dass mit der ersten Fassung eines Textes die eigentliche Arbeit am Text erst beginnt“, so Deutschlehrer Tobias Pohl. Demnach stellten sich die Schülerinnen und Schüler immer wieder dieselben Fragen: Stimmt der Handlungsverlauf? Sind die einzelnen Spannungspunkte sinnvoll gesetzt? Reißt der Hauptcharakter mich mit? Spricht mich der Konflikt an?

In behutsamer Kleinstarbeit erkannten die Schülerinnen und Schüler, dass jede weitere Überarbeitung eben nicht nur Zeitverschwendung darstellt, sondern vielmehr als Mehrwert für die Qualität von Texten zu verstehen ist. „Unsere Texte wurden in der Tat mit jeder Überarbeitung besser, da wir in Gesprächen untereinander ermittelten, ob der jeweilige Text wirklich das erreicht, was er erreichen soll“, so die 15jährige Paula Kukowski.

Damit die Schüler den Prozess des Überarbeitens spielerisch verstanden, hatte Deutschlehrer Tobias Pohl mehrere Dichtercafés durchführen lassen: Es wurde über Ideen gesprochen, erste Plots wurden ausgetauscht und kritisiert, fertige Texte redigiert und sprachlich wie inhaltlich verfeinert. „Es war fast so, als sei man Zeuge eines jungdichterischen Austauschs gewesen, als höre man einer zukünftigen Schreibergeneration zu“, so der Deutschlehrer. Demnach beobachtete er, wie die einen über ihre Opfer in ihren Horrorgeschichten redeten, während die anderen sich über ihre Helden in den Abenteuerromanzen austauschten und wiederum andere die Spannungselemente in ihren Thrillern prüften.

Am Ende dieses lebensnahen Künstlerprozesses stand der Besuch von Sabrina Železný: Sie ist nicht nur Autorin mit einem wunderbaren, verzaubernden Faible für die Geschichte Südamerikas, sie ist auch eine Lektorin mit dem notwendigen kritischen Blick auf Texte. Sie gab somit den Schülern einen Einblick in das schöne, durchaus aber auch mühsame Handwerk des Schreibens, ermöglichte den neugierigen Jungautoren einen kleinen Blick hinter die Kulisse von Buch und Verlag, von Spannung und Vergnügen - als ob man eine Tür einen Spalt weit aufgemacht hätte. Gespannt und fasziniert hörten die Schülerinnen und Schüler den Ausführungen zu.

Im ersten Teil führte Železný die Jungautoren in das weite Feld der Plotplanung ein: Wie motiviert man einen Helden? Welche Ziele verfolgt der Protagonist und welche Konflikte muss er dabei durchleiden? Im zweiten Teil lektorierten die Schüler einen missratenen Auszug aus einer möglichen Erzählung. Schnell erkannten sie, dass sie nicht nur über Rechtschreibfehler stolperten, vielmehr bemerkten sie auch, dass sie sich über die sprachliche Gestaltung austauschten, gar über die Handlung, den Konflikt, die Glaubwürdigkeit des dargestellten Charakters. „Urplötzlich waren die Schüler kleine Lektoren und verstanden die Notwendigkeit der Überarbeitung“, so Tobias Pohl.

Während des Schreibprojekts und im Workshop sind die Schülerinnen und Schüler somit für einen kurzen Moment in eine andere Welt entführt worden: „Das Hineinschnuppern in die Welt des Schreibens und Überarbeitens, sowie der Blick hinter die Kulisse hat uns richtig gut gefallen“, bilanzierte beispielsweise der 16jährige Paul Rost die „Kronacher Schreibwerkstatt“ seiner Klasse. Im Zuge der weiteren Arbeiten soll nun eine Anthologie herausgebracht und eine Schülerlesung vorbereitet werden.

-mts-