Vom Mobbing-Opfer bis zum Youtube-Star

 
Bei der 3. Bundesjugendkonferenz Medien in Rostock stellen Kronacher Schülerinnen und Schüler die mit Abstand größte Gruppe der insgesamt 300 Medienscouts aus ganz Deutschland. Die Inhalte und Impulse, die sie dort von anerkannten Experten zum Thema „Digitale Medien“ erhalten haben, wollen sie nun an ihrer Schule weitergeben.
 
Kronach. Benjamin Fokken ist ein eher unauffälliger junger Mann. Der 23jährige und durchaus korpulente Norddeutsche bezeichnet seine Körperstatur als „stabil“ und wirkt auf den ersten Eindruck eher zurückhaltend, fast eingeschüchtert. Doch als er seine Geschichte zu erzählen beginnt, herrscht in dem großen Konferenzraum gebannte Stille – und das obwohl, oder gerade weil 300 Jugendliche aus ganz Deutschland seine Lebensgeschichte, die zugleich eine von Mobbing gekennzeichnete Leidensgeschichte ist, hören wollen. Sie alle sind Medienscouts, die sich auf den teils langen Weg an die Ostsee gemacht haben, um in Rostock drei Tage lang der 3. Bundesjugendkonferenz Medien (BJKM) beizuwohnen – darunter auffallend viele Kronacher Medienscouts.
Verantwortlich dafür waren das Frankenwald-Gymnasium, das Kaspar-Zeuß-Gymnasium die Siegmund-Loewe-Realschule sowie die Gottfried-Neukam-Mittelschule. Begleitet von den Lehrkräften Anja Betz, Veit Schott, Andreas Engel, Christina Herrmann und Matthias Schneider stellten die vier Kronacher Schulen insgesamt 35 Medienscouts und somit die größte Gruppe der Konferenz, zu der Schülerinnen und Schüler aus zwölf Bundesländern gereist waren. „Diese Präsenz macht deutlich, welch hohen Stellenwert die Medienerziehung an den Kronacher Schulen einnimmt“, erläuterte Alfons Hrubesch das bemerkenswerte Engagement der Kronacher Schülerinnen und Schüler sowie ihrer Lehrkräfte. Dabei sind Hrubesch und der Opferschutzverband „Opferhilfe Oberfranken“ (OHO), dessen Vorsitzender er ist, mitverantwortlich für die hohe Präsenz der oberfränkischen Medienscouts im hohen Norden. Zusammen mit den Medienscouts aus Bayreuth, Coburg und Forchheim waren die Kronacher immerhin auch die einzigen „Bayern“ in Rostock. Die OHO hat die Grundausbildung von mittlerweile über 150 Medienscouts in Oberfranken initiiert.
Die Zielsetzung der OHO und der Medienscouts, „Prävention ist der beste Opferschutz“, war auch das Motto der gelungenen Konferenz in Rostock. „Die dreitätige Konferenz in Rostock war für uns reich an Erkenntnissen und wird unsere Arbeit als Medienscouts an den Schulen spürbar beeinflussen“, ist sich demnach auch der Kronacher Marius Lach sicher. Er wurde wie all die anderen in Rostock anwesenden oberfränkischen Medienscouts bereits im Vorfeld der Konferenz für die Rolle als „Medienberater“ ausgebildet und steht seitdem im Sinne der „Peer-to-Peer-Education“ (Schüler bilden Schüler aus) den Mitschülerinnen und -schülern als „Medienexperte auf Augenhöhe“ zur Seite.
Benjamin Fokkens Geschichte als Mobbing-Opfer, der sich eines Tages mittels eines selbst gedrehten YouTube-Videos gegen seine Peiniger zur Wehr setzt und somit in kurzer Zeit die Aufmerksamkeit von Millionen auf sich zieht, ist ein besonders einprägsamer Augenblick der Rostocker Konferenz, der sowohl bei den Medienscouts als auch bei deren Lehrkräften Spuren hinterließ.
„Ich bin ich – und wir sind viele!“ lautet somit nicht nur der Titel des Buches, in dem Fokken von seiner Leidenszeit berichtet, sondern auch die an die Medienscouts gerichtete Botschaft. Sie werden als Ansprechpartner in der Prävention und bei der Intervention von Cyber-Mobbing an ihrer Schule mit ähnlichen Schicksalen konfrontiert werden. „Wir müssen lauter als die Mobber und die Hasser im Netz sein“, lautete demnach auch eine Botschaft, die von Rostock ausging.
Wie breit die Lebensgeschichten der virtuellen Welt gefächert sind, machte der Besuch von YouTube-Star Cheng Loew am zweiten Tag der Konferenz deutlich. Der Kölner ist aufgrund seines „Lifestyles“ Vorbild für unzählige Jugendliche und zählt somit zu den  „Social Influencern“ unserer Zeit, die auch aufgrund ihres scheinbaren Vorbildcharakters für Kinder und Jugendliche die neuen Lieblinge der Werbeindustrie sind. Doch so unterschiedlich die Lebensgeschichten von Fokken und Loew auch sein mögen, für die Medienscouts hatten beide denselben Auftrag: „Mischt euch ein, steht euren Mitschülern zur Seite und beweist digitale Zivilcourage!“, so Cheng Loew in Rostock.
Diese Grundeinstellung zog sich wie ein roter Faden durch die Konferenz, die vor allem von zahlreichen Workshops geprägt war. Hier hatten die Jugendlichen bei Themen wie „Darknet“, „Hatespeech“, „Spielsucht“ und „Fake News“ auch ausreichend Gelegenheit, eigene Erfahrungen mit einzubringen und sich mit den Medienscouts der anderen Bundesländer auszutauschen und zu vernetzen. Ein gemeinsamer Besuch am Strand von Warnemünde verstärkte das „Wir-Gefühl“ der 300 Medienscouts zusätzlich. „Rostock war spitze und ein wichtiger Impulsgeber für unsere Arbeit. Wir können es kaum erwarten, das Erlernte an unserer Schule umzusetzen“, resümierte der 15jährige Jan das dreitägige „Erlebnis“ Bundesjugendkonferenz Medien.
-mts-