Ein Plädoyer für Empathie und Kreativität

Was auf den ersten Blick ein Märchen für Kinder ist, entpuppt sich als aktuelle Kritik an einer auf Effizienz und Wirtschaftlichkeit getrimmten Gesellschaft: Die Theatergruppe der Mittelstufe am Frankenwald-Gymnasium begeistert mit Michael Endes „Momo“.

Die Rahmenbedingungen für die Premiere von Michael Endes „Momo“ auf der kleinen Studiobühne des Frankenwald-Gymnasiums hätten am vergangenen Donnerstag eigentlich nicht passender sein können: Beginn 19 Uhr, voraussichtliches Ende 20.45 Uhr. Nicht wenigen Gästen der Premiere spukte da zwangsläufig bereits der nächste Termin im Kopf: 21 Uhr - Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft mit deutscher Beteiligung. Wird man da rechtzeitig seinen Platz vor dem heimischen Fernseher einnehmen können?
Christopf Först, dritter Schulleiter am FWG, hatte bei dieser Ausgangslage die passende Begrüßung parat: „Ich freue mich, dass Ihnen niemand die Zeit gestohlen hat und Sie heute hier sind!“ Und in der Tat hatte nach kurzer Zeit keiner der Theatergäste mehr das anstehende Fußballspiel im Hinterkopf sondern nur noch Momos Einsatz für ihre Freunde und die Lebenszeit aller Menschen im Blick. Geschuldet war dies der beeindruckenden Inszenierung von Michael Endes „Momo“ unter der Regie von Stefanie Huber und der Mitarbeit und künstlerischen Leitung von Alexandra Reiter als Betreuerin der Bühnenbild-AG und des P-Seminars „Bühnenbild“. Gerade in dem gelungenen Zusammenspiel von bemerkenswerter schauspielerischer Leistung und anspruchsvollem Regiekonzept hatten die drei Aufführungen am FWG ihre ganz eigene Note.
Nicht zuletzt die Entscheidung, beispielsweise im Sinne des Brechtschen Theaters den jeweiligen Umbau der Kulissen bei offenem Vorhang stattfinden zu lassen, wirkte auf die gesamte Inszenierung modern und somit tagesaktuell. Die Kulissen selbst waren schlicht gehalten, zugleich aufgrund ihrer Drehbarkeit und ihrer damit verbundenen Wandlungsfähigkeit aber selbst ein Ausdruck größtmöglicher Effizienz, die eben auch den „grauen Herren“ (Hanna Jakob, Luisa Höfner, Katharina Schuster, Ann-Kathrin Höfner) am Herzen lag. Immer wenn die Vertreter der„Zeitsparkasse“ die Bühne betraten, versetzte es den Zuschauern in Anbetracht von Nebel, (künstlichem) Zigarettenrauch und düsterer Hintergrundmusik einen echten Schauer. Ihre Botschaft ist klar: "Just in time" - alles muss schnell und effizient ablaufen, die Freude am Leben und das, was unter den Begriffen Empathie und Kreativität zusammengefasst wird, hat keinen Platz in ihrer Welt. Alles wird auf Wirtschaftlichkeit hin geprüft.
Dem elternlosen Mädchen Momo (Chiara Mitter), fällt somit schnell auf, dass ihre Freunde wie Gigi Fremdenführer (Hanna Schmidt) und Beppo Straßenkehrer (Sabrina Buckreus) im Gegensatz zu früher kaum noch Zeit finden, sie zu besuchen. Doch Momo hat ein großes Talent: Sie kann zuhören – sogar so gut, dass sie mit ihrer Fähigkeit die Welt um sich herum verbessert. Sie schlichtet Streit und bringt die Fantasie ihrer Freunde zum Blühen, ohne selbst in Aktionismus zu verfallen. In ihrer Gegenwart werden die Menschen ehrlich. Ausgerechnet Momos Mitgefühl für ihre Gegner gibt den Ausschlag in ihrem Widerstand gegen Kälte und Lieblosigkeit. Sie hat die Fähigkeit, den Menschen hinter der Uniformität seines „grauen Zustands“ zu erkennen und damit die Identität der Zeit-Diebe ins Wanken zu bringen.
Der Verwalter der Zeit, Meister Hora (Julia Sünkel), weiß ebenfalls um die Gefahr und führt Momo durch seine Helferin, die Schildkröte Kassiopeia (Eva Müller), zu sich in sein Haus in Sicherheit. Er weiht Momo in die Geheimnisse der Zeit ein und gewinnt das Mädchen für seinen Plan, die Menschen mit nichts als einer Blume in der Hand und der Schildkröte unter dem Arm von den grauen Herren zu befreien.
Am Ende liegt die gespenstische Gesellschaft der „grauer Herren“ am Boden. Mit Momos Hilfe wurde auf der Bühne eine Alternative zu den Zeit-Dieben und ihrer kalten und empathiearmen Welt gefunden. Vor der Bühne schaute selbst nach dem lang anhaltenden Schlussapplaus längst keiner mehr auf die Uhr. König Fußball auf dem Abstellgleis – auch das hatte die neu formierte Theatergruppe der Mittelstufe des FWGs mit dieser beeindruckenden Inszenierung erreicht. Was für eine Leistung!
-mts-